Ernesto Handmann
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Satiren und Kurzgeschichten

Unter einem leuchtend gelben Sonnenschirm

"Du wirst echt staunen, was sich in der Stadt in den letzten Jahren alles getan hat, Rolf!" Flankiert von Ehefrau Judith und Dackel Josef, tauchte Bernd C. Füerbier in die ineinander verfließenden Menschenströme ein, die durch die sonnenbeschienene Fußgängerzone fluteten. Sein Bruder Rolf, der schwer unter dem Afrikasyndrom zu leiden hatte, jener tragisch verlaufenden Geisteskrankheit, die er sich als Folge seines jahrelangen Afrikaaufenthaltes zugezogen hatte, bemühte sich nach Kräften, nicht fortgeschwemmt zu werden.

"Na, Rolf, das ist doch was anderes als im afrikanischen Busch, oder? Hier ist wenigstens was los. Und so ist das hier jeden Samstagvormittag."

Rolf Füerbier hatte keine Zeit, auf die Worte seines Bruders zu reagieren, weil er verzweifelt darum kämpfte, den Anschluss nicht zu verlieren.

"Ich denke, wir werden schon ein trendy Shirt für dich finden, Rolf", trällerte Judith Füerbier ihrem Schwager vergnügt nach hinten zu. "Du wirst schon sehen! Und ein Paar schicke Schuhe brauchst du halt auch irgendwo!" Im selben Moment zeigte sie nach links hinüber. "Du! Da drüben ist irgendwas!"

Elegant schlängelten Bernd C. und Judith Füerbier sich durch das Menschengewimmel, einem leuchtend zitronengelben Sonnenschirm entgegen, der über die dahinwogenden Massen von Menschenköpfen hinausragte. Im Schutze zweier leerer Schauvitrinen und einiger Betonpflanztröge, in denen büschelweise weggeworfene Coladosen wucherten, tauchte unter dem Sonnenschirm ein Informationsstand auf. "Stoppt Massentierhaltung sofort! Bürgerinnen und Bürger für die Würde der Tiere" schrie ihnen ein Spruchband entgegen. Eine unübersehbare Traube von Tierfreunden drängte sich darum, sich in eine der ausliegenden Unterschriftenlisten eintragen zu können.

"Also, ich find's echt super, dass Sie so was machen", redete Judith Füerbier nach einer halben Stunde Wartezeit eine der drei Frauen an, die hinter dem Tisch auf Posten standen. "Irgendwo echt 'ne super Aktion. Nicht, du?"

"Total stark!", bestätigte Bernd C. Füerbier. "Wenn man mal an all die armen Labortiere denkt."

Die junge Frau hinter dem Tisch nickte. Man dürfe aber auch nicht vergessen, mahnte sie mit tränenerstickter Stimme, unter welch unmenschlichen Bedingungen auch viele Nutztiere bei uns auf engstem Raum zusammengepfercht würden. "Ich denke mal, die drangvolle Enge bei der Massentierhaltung ist schlicht würdelos, weil sie muss ja zwangsläufig bei den armen Mitgeschöpfen zu stressbedingten Krankheiten, Neurosen und Aggressionen führen."

Tief gerührt setzten Bernd C. und Judith Füerbier ihren Namenszug in eine der Unterschriftenlisten. Dackel Josef winselte ungeduldig.

"Du!", durchfuhr es Judith Füerbier plötzlich. "Wo ist Rolf, du?"

Rolf Füerbier war spurlos verschwunden.

Behände erklomm Bernd C. Füerbier eine Schauvitrine, um nach seinem Bruder Ausschau zu halten. "Da!" Er deutete aufgeregt auf einen großen Menschenknäuel vor dem "Trendshop" auf der gegenüberliegenden Häuserzeile. Ein Mann versuchte dort verzweifelt, dem Kundenstrudel zu entkommen, der ihn in das Modegeschäft hineinzusaugen drohte. "Da ist er!" Er drückte seiner Frau die Hundeleine in die Hand und stürzte sich, der Gefahr nicht achtend, kopfüber in den reißenden Menschenstrom. "Rolf! Ich komme! Halte durch!", brüllte er, während er sich kraftvoll seinen Weg durch die Menschenfluten bahnte. "Rolf! Hierher!" Vor dem "Trendshop" angekommen, ergriff er die hilfesuchend ausgestreckte Hand seines Bruders und zog ihn sicher hinüber zu dem Stand unter dem zitronengelben Sonnenschirm. Zu Tode erschöpft, sank Rolf Füerbier auf dieser Insel der Ruhe zu Boden.

"Echt Rolf, das tut uns leid", entschuldigte Bernd C. Füerbier sich. "Wir wollten halt nur eben die Protestaktion unterstützen."

"Unsere Aktion richtet sich gegen die Massentierhaltung", wandte sich die Tierschützerin an Rolf Füerbier. "Sie wollen doch gewiss auch unterschreiben?"

"Nein."

Die umstehenden Leute drehten sich nach Rolf Füerbier um und starrten ihn an. Judith Füerbier stieg die Schamröte ins Gesicht.

"Rolf! Was sagst du da!", maßregelte Bernd C. Füerbier seinen Bruder vorwurfsvoll. "Was denken die Leute!"

"Sie sind also für Tierquälerei?", fragte die Frau fassungslos.

"Nein."

"Aber - was dann?"

"Es ist doch nicht jede Haltung von Tieren in großer Zahl Tierquälerei", keuchte Rolf Füerbier unter Aufbietung der allerletzten Kraftreserven. "Es kommt auf die ererbte Veranlagung der einzelnen Arten und Rassen an."

Rassen! Das Wort "Rassen" war gefallen! Hier, in dieser Umgebung!

"Rassist!" Schon empörte sich einer der Tierfreunde. "Das ist ja absolut unglaublich!"

"Unmensch!", pöbelte ein vollkommen schwarz gekleidetes Mädchen mit grasgrün gefärbtem Haar Rolf Füerbier an.

"Was ist denn los da vorne?", schimpfte jemand ungeduldig von hinten aus dem dichten Gedränge der Wartenden heraus. "Nun gehen Sie doch endlich weiter! Andere wollen schließlich auch noch unterschreiben."

Das Gedränge vor dem leuchtend zitronengelben Sonnenschirm inmitten der Fußgängerzone hatte bereits gefährliche Ausmaße angenommen. Es hatte sich inzwischen ein vieltausendköpfiger Menschenauflauf gebildet. Der Verkehrsfluss war bereits zum Stillstand gekommen. Die Innenstadt drohte an dem aufgestauten Menschenstrom zu ersticken.

"Bedenken Sie doch!", beschwor die junge Frau hinter dem Stand Rolf Füerbier. "Wir wollen doch nur humane Lebensbedingungen für unsere Mitgeschöpfe. Es geht doch um die Würde des Individuums Tier! Nur um die Würde des Individuums!"

Judith Füerbier kreischte auf. Der Druck der von hinten nachschiebenden Menschenmassen hatte sich explosionsartig entladen und spülte die um die Würde des Individuums besorgten Tierschützer in den vorderen Reihen samt Tisch, Spruchband und gelbem Sonnenschirm in einer gewaltigen Flutwelle von Menschenleibern mit sich fort durch die sonnenbeschienene Fußgängerzone.

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