Ernesto Handmann
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Die real existierende Pädagogik

"Kaltes Buffet ist echt deine Stärke, Bärbel!", schwärmte Bernd C. Füerbier. "Oder? Rolf?" Seine Augen schweiften gierig über die buntgefüllten Platten. "Das hat Bärbel doch total stark hingekriegt. Oder? Judith?" Im Handstreich plünderte er die Fischplatte. "Echt, Bärbel! Das ist der helle Wahnsinn. Hast du das wieder bei Party-Paulsen geordert? Judith, da sollten wir nächstes Mal auch bestellen." Während er seinen Sessel aufsuchte, langte er nach einem Kaviarhäppchen. "Sag mal, Brigitte", wandte er sich kauend an die Lehrerin mit den blonden Löckchen, die sich gerade eine Zigarette anzündete, "wie geht's denn in der Schule? Macht es dir immer noch so viel Spaß wie früher?"

"Es ist einfach super! Echt toll! Riesig!", antwortete die attraktive Blondine mit pädagogischer Zurückhaltung aus einer sich aufblähenden Qualmwolke heraus. "Ich denke mal, es ist auch irgendwo einfach schön, eine so verantwortungsvolle Arbeit erfüllen zu dürfen."

Bernd C. Füerbiers bis zum Rand gefüllter Mund war einen kurzen Augenblick außerstande weiterzufragen.

"Ist denn der Lehrerberuf nicht sehr anstrengend?", nahm sein psychisch kranker Bruder Rolf die Gelegenheit wahr, sich in das Gespräch einzumischen. "Wie alt sind denn die Kinder?"

Überlegen musterte Brigitte den so schwer am Afrikasyndrom leidenden Rolf Füerbier durch den Rauch ihrer Zigarette hindurch.

Bernd C. und Judith Füerbier sahen sich entsetzt an. "Du!", raunte Judith Füerbier ihrem Mann zu. "Rolf darf sich auf keinen Fall mit Brigitte anlegen, du! Du musst das unbedingt verhindern! Das gibt ein Unglück! Echt, du!"

Aber Brigitte hatte bereits zur Antwort angesetzt. "Die Schülerinnen und Schüler sind zwischen zwölf und siebzehn und irgendwo alle wahnsinnig nett", entgegnete sie. "Ich denke, es macht deshalb auch irgendwo ein Stück weit Spaß, mit den Kindern zu arbeiten." Mit der bräunlichen Kuppe ihres Zeigefingers schnipste sie umständlich die Zigarettenasche ab.

"Rolf! Echt! Du musst mal die Kaviarschnittchen probieren!", lenkte Bernd C. Füerbier seinen Bruder von dessen Gesprächsthema ab. "Die schmecken echt stark!"

"Ja, du! Echt super!", unterstützte Judith Füerbier ihren Mann.

Rolf Füerbier winkte ab. Er merkte nicht, dass er der begeisterten Lehrerin in seiner sachlichen, gradlinigen Art, die ihm während seiner Ingenieurstätigkeit in Afrika stets weitergeholfen hatte, nicht gewachsen war. Starrsinnig erdreistete er sich sogar, Brigitte mit einer weiteren Frage zu belästigen: "Aber man hört doch immer häufiger, viele Kinder machten in den Schulen, was sie wollen, weil die Erziehung zu kurz komme."

Brigittes mädchenhaft gewölbte Stirn zerknitterte sich bedrohlich. "Ich denke, das Wort 'Erziehung' kann ich überhaupt nicht leiden, weil das ist irgendwo ein Stück undemokratischer Vergangenheit", tadelte sie ihn. Ich denke mal, für Erziehung ist in einer modernen demokratischen Gesellschaft kein Raum mehr. Die Schülerinnen und Schüler müssen sich vor allem ihrer Rechte bewusst werden. Sie müssen irgendwo ohne Fremdbestimmung lernen, sich zu emanzipieren und ihre Position in der Gesellschaft zu besetzen."

"Rolf, nun lass doch!", bat Bernd C. Füerbier ungeduldig, und seine Frau füllte eilig einen kleinen Teller mit allerlei appetitlichen Häppchen und drängte sie ihrem Schwager auf. "Hier, Rolf, probier mal! Schmeckt echt super. Besonders der rote Kaviar!"

Dankend spießte Rolf Füerbier ein Stück Tomate auf seine Gabel, neigte sich aber sogleich wieder zu Brigitte hinüber. "Ja, geht denn so etwas? Kann man denn in der Schule ohne Anordnungen und Verbote, ohne Autorität und ohne Strafen auskommen, um ein angemessenes Verhalten und ein hohes Leistungsniveau zu erreichen?" Er steckte das Stückchen Tomate in den Mund.

"Anordnungen? Verbote? Strafen? Leistung? Du meine Güte! Was sind denn das für Ansichten! Ich denke mal, das gibt's schon lange nicht mehr." Nach dieser vernichtenden Anspielung auf Rolf Füerbiers jahrelange Abwesenheit aus Deutschland zündete Brigitte sich mit ihren kleinen, schlanken Fingern selbstsicher eine neue Zigarette an.

"Rolf, probier doch mal den Lachs!" Geschickt versuchte Bernd C. Füerbier, die peinliche Fragerei seines Bruders zu unterbinden. "Oder willst du noch 'ne Tomate? Judith, hol noch mal 'ne Tomate! Brigitte, du isst ja auch gar nichts! Bärbel hat sich irgendwo so viel Mühe gemacht."

Brigitte erwies sich als immun gegen sein psychologisches Geschick. Die lange Zigarette in der Hand, setzte sie ihren Vortrag fort. "Bekanntlich führt autoritäres Verhalten irgendwo zu Frustrationen, und die erzeugen bei den Kindern Aggressionen, weil das ist halt so. Das kann frau überall nachlesen. Wollen Sie etwa, dass unsere Jugendlichen aggressiv werden und in blinder Zerstörungswut alles kaputtmachen? Telefonzellen zerschlagen, Häuserwände beschmieren, Autobusse demolieren? Oder dass sie unsere ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger gewaltsam ausgrenzen?"

Bernd C. Füerbier stellte seinen Teller beiseite. "Rolf, sieh mal! Kein Mensch will doch solche totalen Horrorzustände, wie Brigitte sie eben geschildert hat. Oder? Deshalb hat unser Staat halt psychologisch belesene Erzieherinnen und Erzieher herangebildet, die - "

"Pädagoginnen und Pädagogen!", verbesserte Brigitte ihn.

"Verzeihung! Deshalb haben wir also heute psychologisch belesene Pädagoginnen und Pädagogen, die irgendwo das Gröbste zu vermeiden in der Lage sind. Erziehung ist heute echt kein Thema mehr."

"Na, gut", lenkte sein Bruder ein. "Aber eine Sache ist mir noch nicht klar: Wie hindern die modernen Pädagogen denn die Schüler zum Beispiel daran, in der Schule mit Drogen zu handeln, Mitschüler zu erpressen oder sich unliebsame Lehrer durch Gewaltandrohung gefügig zu machen?"

Die Belustigung der anderen war grenzenlos. Reinhart, Brigittes Mann, schüttelte sich vor Vergnügen. Bärbels Mann, Hartmut, rühmte unter heftigen Lachkrämpfen den einmalig gelungenen Abend. Und Bärbel verdeckte ihre zügellose Heiterkeit hinter ihren vorgehaltenen Händen. Selbst Brigitte überkam der Anflug eines Grinsens, als sie über so viel Weltfremdheit die Brauen hochzog.

Energisch knöpfte Bernd C. Füerbier sich seinen Bruder vor: "Echt, Rolf! Sag mal, in welchem Zeitalter lebst du eigentlich? Jeder weiß, dass es so etwas in deutschen Schulen nicht mehr gibt, weil zwischen modernen Schülern und Lehrern heute irgendwo eine total partnerschaftliche Beziehung besteht - sozial kongruente Kooperation, verstehst du?"

"Ja", hakte Brigitte gleich ein, "ich denke, moderne Pädagoginnen und Pädagogen lieben ihre Schülerinnen und Schüler. Ich denke mal, es ist deshalb heute nach zwanzig Jahren intensivster Demokratisierungsbemühungen und sozialintegrativer Friedensarbeit irgendwo kein Problem mehr, durch ein Stück Lob die intrinsisch motivierte Kooperationskompetenz der Schülerinnen und Schüler in sozial erwünschter Richtung erfolgreich zu verstärken."

Rolf Füerbier schluckte. "Ich glaube, ich habe das moderne pädagogische Prinzip jetzt verstanden", erklärte er. "Es funktioniert also genauso wie eine Pferdedressur im Zirkus, wo der Dompteur die Tiere auch immer für jedes erwünschte Verhalten mit einem Zuckerstückchen belohnt. Eine fabelhafte Methode!"

Der Orkan von Gelächter, der durch das Zimmer brauste, riss Bärbel samt einem gut Teil der erlesenen Leckereien durch das zerborstene Fenster in den Abgrund. Hartmut drohte an einer Olive zu ersticken, die der gewaltige Luftdruck in seinen Schlund gepresst hatte. Reinhart wurde von der Wucht des tosenden Frohsinns auf den Balkon geschleudert.

Brigitte lachte indigniert. "Ich denke mal, Sie haben von der Arbeit mit Jugendlichen nichts verstanden, Herr Füerbier! Die Schule ist doch kein Zirkus, und Menschen kann frau doch nicht dressieren, weil wir sind doch keine Tiere! Ich denke, Ihre Äußerungen sind echt ein Stück Beleidigung! Weil wir Menschen haben schließlich irgendwo Einsicht und Verstand und können logisch denken! Wir brauchen nur an die Vernunft der Jugendlichen zu appellieren, dann tun sie, was frau will." Sie erhob sich und tupfte dabei ihre Zigarette im Aschenbecher aus. Plötzlich richtete sie sich kerzengerade auf und blieb wie versteinert stehen.

Bernd C. Füerbier sah, dass sie knallrot geworden war. "Brigitte! Mein Gott! Was hast du denn?"

Die linke Hand am Kinn, stand sie betroffen vor dem niedrigen Couchtisch. "Mensch! Ich denke, es ist eine wahnsinnige Katastrophe passiert! Mir fällt gerade ein, ich habe vergessen, den Karton Vollkornmüsliriegel zu kaufen, den ich morgen zur Belohnung in meiner Klasse verteilen wollte, wenn die meisten einigermaßen leise sind und arbeiten."

"Na und?"

"Ich kann da nicht mit leeren Händen kommen! Dann machen die ein Mordsgeschrei."

Souverän lächelte Bernd C. Füerbier sie an. "Keine Panik, Brigitte! Ich habe immer eine Tüte Sahnebonbons im Auto. Die kannst du ja morgen als Belohnung verteilen. Ich denke, dann werden die Kids irgendwo schon tun, was sie sollen. Oder?"

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