Ernesto Handmann
Voll im Trend
Satiren und Kurzgeschichten

Schwere Liebe - Lemon light

"Rolf, was möchtest du denn trinken? Vielleicht eine Flasche Aqua light?" In blendender Laune kümmerte Bernd C. Füerbier sich darum, für sich und seinen psychisch kranken Bruder etwas zu trinken aufzutischen. Mit einer Flasche Bier und einer Flasche Mineralwasser in der Hand kehrte er aus der Küche ins Wohnzimmer zurück, holte zwei Gläser aus der Mahagonivitrine und gesellte sich zu seinem Gast. "Oder möchtest du lieber Orange light trinken?", fragte er seinen Bruder. "Du musst es nur sagen."

Rolf Füerbier gab sich mit dem Aqua light zufrieden.

"Ich denke mal, Judith ist wohl mit Josef schon wieder bei Bärbel", vermutete Bernd C. Füerbier. "Die haben jetzt immer so merkwürdig viel zu bereden."

"Du fürchtest, dass sie irgendetwas ausbrüten?"

Bernd C. Füerbier zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht. Seit der Scheidung von Hartmut und Bärbel ist Judith irgendwo so verändert."

Sein Bruder hob überrascht den Kopf. "Hartmut und Bärbel sind geschieden?"

"Weißt du das denn gar nicht? Das war doch die Sensation!"

"Und nun?"

"Hartmut hat sich wohl irgendwo eine billige Einzimmerwohnung genommen. Bärbel ist natürlich in der alten Wohnung geblieben."

Die Haustür klappte, und wie ein Wirbelwind kam der kleine Dackel Josef hereingefegt, um die beiden Männer voll Überschwang zu begrüßen.

"Du?", bohrte Judith Füerbier schon aus dem Hausflur. "Unterhaltet ihr euch gerade über Bärbel und Hartmut?" Sie konnte von dem Gespräch der beiden Brüder höchstens zwei Silben gehört haben. Und ohne eine Antwort abzuwarten, legte sie sogleich los: "Wirklich, Rolf! Ist Hartmut nicht ein verdammter Schuft? Bärbel so etwas anzutun, nach sechzehn Jahren Ehe! Wo sie irgendwo ein so super Mensch ist." Sie begrüßte ihren Schwager und kontrollierte nebenbei das vorhandene Getränkeangebot. "Du?", verkündete sie ihren Entschluss. "Ich will auch ein Bier trinken! Ist noch Kortzenthaler da?"

"Premium?"

"Light."

"Es ist überhaupt kein Kortzenthaler mehr da!", rief Bernd C. Füerbier seiner Frau hinterher, die sich bereits auf den Weg in die Küche gemacht hatte und schon geräuschvoll im Getränkekühlschrank stöberte.

"Wirklich!", schimpfte Judith Füerbier auf dem Rückweg ins Wohnzimmer. "Hartmut ist echt ein Mistkerl. Er kann Bärbel doch nicht einfach so im Stich lassen!" Sie stellte eine dunkelgrüne Flasche und ein Glas auf den Couchtisch.

"Grapefruit?", fragte Bernd C. Füerbier neugierig.

"Lemon light!"

Alle drei labten sich an ihren Getränken.

"Es ging wohl einfach nicht mehr mit den beiden", versuchte Rolf Füerbier das Scheitern der Ehe von Hartmut und Bärbel zu erklären.

Sein Bruder schüttelte ablehnend den Kopf. "Als Hartmut heiratete, war er immerhin schon fünfundzwanzig Jahre alt. Da war er wohl erwachsen genug, um zu wissen, was er tat. Eine Eheschließung ist nun mal eine Entscheidung fürs Leben."

"Genau!", wetterte Judith Füerbier lautstark, sodass Josef, der neben Rolf Füerbier auf dem Sofa lag, verärgert die schlafschweren Augenlider hochzog. "Ich denke, die Ehe dient irgendwo der lebenslangen Verantwortung für den Partner, weil wer soll denn auch sonst für einen in der Not sorgen?"

Indem er von seinem Aqua light trank, ging Rolf Füerbier einer Antwort aus dem Wege.

"Was Hartmut da gemacht hat, ist typisch Mann!", argumentierte Judith Füerbier. "Das ist einfach wahnsinnig egoistisch! Er hat sich einfach zu wenig um Bärbel gekümmert. Bärbel hat auch gesagt: So sind die Männer im Grunde alle."

Die unbändige Wut seiner Frau auf Hartmut verunsicherte Bernd C. Füerbier. "Du musst aber auch bedenken, dass Hartmut einen anstrengenden Job hat", wandte er zaghaft ein.

"Du!", beharrte sie. "Trotzdem! Er hätte wirklich mehr auf Bärbel eingehen müssen. Eine Frau braucht das nun einmal. Das war seine Pflicht als Ehemann. Bärbel hat auch gesagt, dass Hartmut schon immer ein großer Egoist war!"

Das Telefon quengelte. Judith Füerbier nahm das Gespräch entgegen. "Du!", raunte sie ihrem Mann zu. "Es ist Bärbel, die Ärmste. Sie fragt, ob wir nicht morgen vorbeikommen wollen, weil sie ist immer so allein. An den anderen Tagen geht es nämlich schlecht. Übermorgen will sie mit Dutti ins Kino. Und Donnerstag haben sich Brigitte und Reinhart angesagt, um die gemeinsame Urlaubsreise zu planen. Und von Freitag bis Pfingstmontag fährt sie mit Katti, Axel und Meyers zum Tennisturnier nach Berlin. Und in der nächsten Woche ist sie auch schon jeden Abend eingeladen."

Die Einsamkeit der armen geschiedenen Bärbel rührte Bernd C. Füerbier so sehr, dass er spontan sein Einverständnis erklärte. Seine Frau sagte Bärbel hocherfreut ihren Besuch für den nächsten Abend zu.

"Du?", schlug Judith Füerbier vor. "Ich denke, ich hol' uns noch ein bisschen zu essen herein." Sie eilte in die Küche.

"Habt ihr denn mal etwas von Hartmut gehört?", nahm Rolf Füerbier das Gespräch wieder auf.

"Er klagt natürlich gewaltig darüber, dass er so total viel Unterhalt an Bärbel zahlen muss", wusste sein Bruder zu berichten.

Rolf Füerbiers Einwand, er könne das gut verstehen, denn das Unterhaltsrecht bringe ja auch wirklich eine Menge Ungerechtigkeiten mit sich, konterte seine Schwägerin lautstark aus der Küche mit dem Hinweis, das Unterhaltsrecht sei nicht ungerecht, sondern sozial ausgewogen. Könnten nämlich die Frauen und vor allem Frauen mit Kindern nicht so viel Unterhalt von ihren Ex-Männern verlangen, ließen sich noch mehr Männer scheiden, und zwar vor allem die Besserverdienenden, und das wäre doch wohl besonders unsozial. Sie trug ein großes Tablett herein und setzte es auf dem Couchtisch ab. "Also wirklich, Rolf!", ereiferte sie sich, während sie allerlei appetitliche Kleinigkeiten auf dem Tisch ablud. "Das ist typisch Mann! Soll eine Frau wie Bärbel sich vielleicht einschränken, wo sie gar keine Schuld an der Scheidung trifft? Ich finde das Unterhaltsrecht super. Die Männer sollen ruhig ordentlich bluten! Die hätten ja keinen Anlass zur Scheidung zu liefern brauchen!"

Mit leuchtenden Augen ergriff Bernd C. Füerbier sein Besteck und sondierte das Nahrungsangebot.

"Du", erläuterte seine Frau mit dem gezückten Messer in der ausgestreckten Hand die Abendbrotstafel. "Dies sind Roggenbrötchen light, das hier ist Vollkornkrustenbrot light, und der Aufschnitt und der Käse ist halt eh light."

Hungrig langte Bernd C. Füerbier nach dem Schinken.

"Du!", warnte sie. "Der ist premium! Light hatten sie nicht."

"Und der Krabbensalat?"

"Light natürlich!"

Enttäuscht legte Bernd C. Füerbier den Schinken zurück und hielt sich an dem Krabbensalat schadlos, den er genüsslich neben seinem Roggenbrötchen aufhäufte.

Während sein Bruder ein Scheibchen Vollkornkrustenbrot light mit Premiumschinken belegte, drang Bernd C. Füerbier weiter auf ihn ein. "Ich denke auch, Rolf! Wer heiratet, übernimmt ein Leben lang ein Stück Verantwortung. Einer muss doch schließlich für den zu Hause sitzenden Partner nach der Scheidung sorgen. Er biss kräftig in sein Roggenbrötchen.

Schweigend schnitt Rolf Füerbier sich einen Happen von seinem Schinkenbrot ab. Bernd C. und Judith Füerbier kauten mit großem Behagen an ihren Roggenbrötchen.

"Kennt ihr denn den Grund für die Scheidung?", fragte Rolf Füerbier nach einiger Zeit.

"Eine andere Frau!" In Bernd C. Füerbiers Stimme schwang tiefe Verachtung mit.

"Wirklich!", entrüstete sich Judith Füerbier. "Was findet er bloß an der? Die ist doch echt super dumm! Aber daran erkennt man halt, wie dämlich die meisten Männer eigentlich sind."

"Vielleicht hat Hartmut sich in sie verliebt", warf Rolf Füerbier ein.

Sein Bruder lachte auf. "In seinem Alter? Wirklich, Rolf! Hartmut ist doch auch schon bald Mitte vierzig. Da spielt Liebe doch eh keine Rolle mehr. Ich denke, da geht es irgendwo nur noch um anderes."

Laut klirrend fiel Judith Füerbiers Besteck auf ihren Teller. Mit versteinertem Gesicht stand sie auf und lief aus dem Zimmer.

Die beiden Brüder sahen sich überrascht an. Aus der Küche drang plötzlich ein markerschütterndes Schluchzen zu ihnen herüber.

"Judith!" Bernd C. Füerbier hatte einen hochroten Kopf bekommen. "Was ist denn? Nun sei doch vernünftig!" Stöhnend erhob er sich und ging ohne Hast zu seiner Frau in die Küche. Beruhigend redete er auf sie ein.

"Du!", jaulte sie lauthals. "Ich hab' es ja schon lange gemerkt, dass du mich nicht mehr liebst!"

"Was redest du denn da! Das ist doch Unsinn!"

"Du hast es doch eben selbst gesagt!" Ihr Schluchzen hatte sich zu einem furiosen Wiehern entwickelt. "Du kümmerst dich doch schon lange nicht mehr um mich! Nie krieg ich mehr Blumen von dir! Nie errätst du meine Wünsche! Nichts tust du mehr für mich! Du bist ein Egoist!"

Ratlos blickte Bernd C. Füerbier aus dem Fenster.

"Bärbel hat wirklich recht! Ihr Männer denkt immer nur an euch!"

An der Küchentür erschien Rolf Füerbier und bedeutete seinem Bruder, dass er nach Hause gehen wolle. Einen Augenblick später fiel die Haustür ins Schloss. Bernd C. und Judith Füerbier waren allein.

© Ernesto Handmann für alle Satiren und Kurzgeschichten auf diesen Seiten


Oben  |  Zurück |  Weiter


Jedwede Art der Verbreitung, Veröffentlichung oder nichtprivaten Nutzung
der Satiren nur mit Genehmigung des Autors Ernesto Handmann!
Ernesto Handmann
satirennexgo.de
Oben   Start   Satiren   Nachtigall   Bauernregeln   Gedichte   Kontakt   satirennexgo.de Kurzadresse: www.satiren.phantasus.de  
Voll im Trend Satiren Satiren Ernesto Handmann
Start   Satiren   Nachtigall   Bauernregeln   Gedichte   Kontakt   satirennexgo.de Zurück |  Weiter
Voll im Trend
Satiren
Ernesto Handmann
Satiren und Kurzgeschichten
über den Zeitgeist
Satiren & Kurzgeschichten