Ernesto Handmann
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Mensch, Josef!

Freudig winselnd sprang Dackel Josef an seinem Herrn hoch, während dieser noch seinen hellen Sommermantel in den Garderobenschrank hängte.

Bernd C. Füerbier tätschelte seinem anhänglichen Gefährten die Schulter. "Ja, ja, ja, Josef! Was? Freust du dich, dass ich wieder da bin? Hast du fein auf das Herrchen gewartet? Was? Geht es dir gut? Was?"

Josef warf sich pflichtgemäß auf den Rücken und jaulte.

"Wollen wir mal sehen, ob Post gekommen ist? Was? Ein kleines Brieflein? Was, Josef?"

Josefs Jaulen schwoll zu einem infernalischen Heulen an.

Zufrieden ging Bernd C. Füerbier an den Telefontisch und sichtete die Post. Aus einem schmutziggrauen Couvert zog er einen bettlakengroßen Computerbriefbogen hervor, entfaltete ihn mühsam und überflog den Inhalt. "Hundesteuerheranziehungsbescheid" stand in Großbuchstaben und Sperrdruck oben drüber. "1 voll zu versteuernder Ersthund. Jährlich Euro 90,-. Zahlbar in vierteljährlichen Raten. Nicht überweisen. Wird abgebucht."

"Du?", scholl Judith Füerbiers Stimme aus der Küche. "Trinkst du Bier oder Tee, du?"

"Das ist doch totaler Wahnsinn!"

"Du?"

Josef im Schlepptau, trampelte Bernd C. Füerbier in die Küche. "Kuck dir das an!" Er schlug mit dem Handrücken auf den Computerbogen. "Die haben die Hundesteuer doch tatsächlich verdoppelt!"

"Super!", murmelte Judith Füerbier, während sie geschäftig zwei wassergefüllte Teegläser in den Mikrowellenherd stellte.

"Verstehst du nicht? Wir sollen für Josef jetzt doppelt so viel bezahlen! Neunzig Euro!"

"Du? Echt? Für so einen kleinen Dackel neunzig Euro? Nein, du! Das ist doch nicht möglich!" Auf das Klingelzeichen hin nahm sie die Teegläser mit dem kochend heißen Wasser wieder aus dem Mikrowellenherd heraus.

Mit verfinstertem Gesicht setzte Bernd C. Füerbier sich an den gedeckten Abendbrotstisch. "Das hat noch ein Nachspiel!", drohte er. Josef saß erwartungsvoll zu seinen Füßen. Judith Füerbier servierte die Suppe und den kirschrot gefärbten Tee.

"Hagebuttentee?", nörgelte Bernd C. Füerbier. "Ist kein Bier da?"

"Du! Bei dem Regenwetter ist Tee halt gesünder. Echt, du!"

Missmutig tauchte er den Löffel in seine Suppe. "Da tut man alles für unsere bedrohte Tierwelt, hängt überall im Garten Nistkästen auf, stellt im Winter Futterhäuser für die armen frierenden Vögel heraus, legt im Garten sogar einen Biotop an, und das ist nun der Dank!"

"Echt, du! Die Goldfische darin und die Seerosen und der hübsche Springbrunnen in der Mitte - zählt das denn irgendwo gar nicht?"

Bernd C. Füerbier schob die Suppentasse beiseite. "Ich lass mir das nicht gefallen! Ich ruf' sofort Reinhart an."

Er stand auf und ging, gefolgt von Josef, für den diesmal gar nichts Essbares vom Tisch gefallen war, zum Telefon. Lautstark trug er dem Mann der blonden Lehrerin Brigitte, dem Rechtsanwalt Reinhart, seine Klage vor.

"Was?" Bernd C. Füerbier schien von Reinharts Worten überrascht. "Die Stadt will der Belastung durch die ständig steigende Zahl von Hunden ein Stück weit entgegenwirken? Das ist ja irgendwo total unerhört! Wirklich!" Er wurde zornrot. "Wie können die so was behaupten? Reinhart, hör mal! Josef ist keine Belastung! Echt nicht! Der ist strikt leinenführig. Der kommt nur im Stadtpark und im Wald von der Leine, sonst nie in der Öffentlichkeit!"

Judith Füerbier nickte zustimmend.

"Hör mal, Reinhart, ich denke, du kennst mich irgendwo. Ich bin doch wirklich ein Tierfreund und tue alles für unsere Tiere." Erregt redete Bernd C. Füerbier sich seinen Ärger von der Seele. Er spende jedes Jahr zu Weihnachten fünfzig Euro an den Tierschutzverein, damit die armen Kreaturen es dort zum Fest auch ein bisschen schön hätten, und er habe, getreu der Devise 'Kein Urlaubsort, wo Vogelmord', aus Prinzip noch nie Urlaub in Italien gemacht, weil dort die Jagd auf unsere Singvögel immer noch ein beliebter Volkssport sei. Und jetzt bestrafe der Staat gerade die Bürgerinnen und Bürger, die am meisten für die Natur täten. "Solche Behördenwillkür ist doch irgendwo total unsozial", schimpfte er ins Telefon. "Das trifft halt mal wieder nur die kleine Hundehalterin und den kleinen Hundehalter von der Straße. Oder?" Er lauschte Reinharts Antwort.

"Wirklich? Von Brigittes Kolleginnen haben sich auch schon einige über die Steuererhöhung beschwert? Super! Hör mal, Reinhart! Ich denke, dann kann man doch irgendwo was Konkretes unternehmen, demonstrieren oder so, oder eine Unterschriftensammlung starten."

"Du!", redete Judith Füerbier dazwischen. "Eine Lichterkette im Stadtpark! Echt! Das wird auch irgendwo gerne gemacht."

"Jeden Montagabend eine Mahnwache mit Kerzen auf der Rathaustreppe, hat Brigitte gesagt? Total nicht schlecht, Reinhart. Kann man machen. Wirklich! Kann man echt gut machen. Allerdings wäre das halt irgendwo besser für den Herbst geeignet."

"Trotzdem super!", lobte Judith Füerbier Brigittes Vorschlag.

"Hör mal, Reinhart, was hältst du denn von einer Bürgerinnen- und Bürgerinitiative? Total stark, nicht? Ich denke auch. Wenn Brigittes Kolleginnen auch mitmachen, sind wir doch schon genügend Bürgerinnen und Bürger. Ich denke an 'Tierfreundinnen und Tierfreunde gegen Behördenwillkür und Steuerschikane'."

"Du! Super!" Judith Füerbier zeigte sich vollauf begeistert. Auch Josef wedelte zaghaft mit dem Schwanz.

"Und dann können wir doch eine Anzeigenkampagne starten", dröhnte Bernd C. Füerbier wieder ins Telefon. "Stoppt die Behördenwillkür! Gegen Verletzung von Rechten und Würde der Tiere!"

Reinhart reagierte am anderen Ende der Leitung offenbar positiv.

"Total stark, was?" Bernd C. Füerbier hatte seine Selbstsicherheit wiedergewonnen. "Hör mal, Reinhart! Ich denke, wir müssen auch noch eine Menschenrechtsklage beim Verfassungsgericht einreichen. Die Kopfsteuer für Josef ist doch eindeutig ein Verstoß gegen seine Menschenrechte, weil Hunde dürfen doch nicht schlechter behandelt werden als Katzen oder Pferde! Die sind schließlich steuerfrei. Das ist doch ein eklatanter Bruch des Gleichheitsgrundsatzes. Oder?"

"Super!" Judith Füerbier verdrehte vor Bewunderung für ihren Bernd die Augen.

"Also, o.k., Reinhart. Freitagabend setzen wir uns dann mal alle bei uns zusammen und gründen unsere Bürgerinnen- und Bürgerinitiative. Brigitte soll ihren Kolleginnen in der Schule Bescheid sagen! Ich informiere meine Nachbarn. Hör mal, Reinhart! Du musst uns wegen der Satzung dann irgendwo beraten."

Bernd C. Füerbier knallte nach Beendigung des Gespräches das Telefon kraftstrotzend in die Ladeschale. "Na, Josef?" Siegessicher tätschelte er seinen jaulenden Dackel. "Uns kriegen die nicht klein. Was? Wir werden deine Menschenrechte irgendwo schon verteidigen. Was? Und nun wollen wir uns die Tagesschau angucken. Was, mein Lieber?"

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