Ernesto Handmann
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Irdische Einflüsse

Gebannt starrten Bernd C. und Judith Füerbier auf den gegabelten Haselzweig, der von einem alten Mann seit einer guten Viertelstunde hochkonzentriert mit vorgestreckten Armen durch den Garten geführt wurde. In dem dürren Stück Holz bündelten sich alle Hoffnungen Bernd C. Füerbiers auf eine baldige Reduzierung seiner astronomisch hohen Wasserrechnung. Die galloppierende Klimakatastophe hätte in den trockenheißen Sommern der vergangenen Jahre seine dürstenden Rosen einfach vertrocknen und seinen sattgrünen Rasen schnell vergilben lassen, hätte er sie nicht ständig mit frischem Leitungswasser gesprengt. Nun sollte endlich ein Brunnen her, der unabhängig von der städtischen Wasserleitung den Garten mit preiswertem Grundwasser erquicken konnte.

Der alte Rutengänger näherte sich jetzt, von der kleinen Wacholdergruppe kommend, der Garage. Plötzlich, direkt vor der Garagenwand, schlug der Zweig kräftig nach unten. Doch obgleich der Mann ihn krampfhaft umklammert hielt und sich verzweifelt gegen die Naturgewalten stemmte, riss es ihn zu Boden. Die Ausschläge waren einfach zu mächtig.

"Hier ist was!", röchelte er.

Erschreckt sprang ihm Bernd C. Füerbier zur Seite.

"Lassen Sie nur", winkte der alte Mann ab, während er sich erschöpft aufrappelte und seine Wünschelrute aufhob. "Das ist normal. Das passiert mir jedes Mal." Mit der flachen Hand putzte er sich den Sand von der Jacke. "Hier läuft eine mächtige Wasserader lang", keuchte er, "ungefähr vier Meter breit. So was haut mich einfach um. Ich bin zu sensibel."

Judith Füerbier sah sich die bezeichnete Stelle genau an. "Hier drunter fließt also eine Wasserader?", fragte sie skeptisch. "Woher wissen Sie denn das? Man sieht ja gar nichts."

"Das zeigt mir meine Wünschelrute an", antwortete der alte Mann treuherzig. "Da, wo Wasser ist, schlägt sie aus."

Das sprachlose Staunen seiner Auftraggeber veranlasste den Alten, die Ursachen dieses merkwürdigen Phänomens zu erklären. Mit der Wünschelrute könne natürlich nicht jeder umgehen, sagte er, man müsse schon die Veranlagung dazu haben. Er selber könne zum Beispiel nur feststellen, ob überhaupt eine Wasserader vorhanden und wie breit sie sei. Andere Strahlungen könne er nicht empfangen. Aber es gebe besonders auserwählte Kollegen, die können sogar die Tiefe, die Fließgeschwindigkeit und die Wassertemperatur erspüren. Manche ganz besonders begnadeten Rutengänger könnten sogar noch wahrnehmen, ob in der Wasserader Heilkräfte enthalten seien.

Interessiert betrachtete Bernd C. Füerbier den Haselzweig. "Wie kommt denn nun so was?", fragte er. "Ich meine, es muss doch irgendeine wissenschaftliche Erklärung dafür geben."

"Das liegt an den Erdstrahlen", informierte ihn der Mann und strich über den Haselzweig. "Die Rute ist meine Antenne. Mit der spüre ich die Strahlen auf. Sie wissen ja, von den Erdstrahlen kommt ja viel. Darunter leiden ja viele Leute. Kopfschmerzen und so. Schlaflosigkeit. Das ist ja erwiesen."

Judith Füerbier horchte auf. "Was? Schlaflosigkeit auch?"

"Natürlich!", klärte er sie auf. "Wenn Ihr Bett genau über einer Wasserader steht! Oder wenn der Schlafraum total von Erdstrahlen verseucht ist! Dann kriegen Sie kein Auge zu. Was glauben Sie wohl, was es alles gibt!"

Mit vor Erregung glühenden Wangen bat Judith Füerbier den Rutengänger sofort in ihr eheliches Schlafzimmer. Vielleicht helfe ihr das endlich gegen ihre periodisch wiederkehrende Schlaflosigkeit, hoffte sie.

Prompt stellte der Mann starke Störfelder direkt im Bereich des Ehebettes fest. Alles sei völlig verstrahlt, diagnostizierte er. Nur unterm Fenster sei es sauber. "Kein Wunder, wenn Sie nicht schlafen können", sagte er. "Sie sind wohl auch ein sensibler Mensch?"

Als Judith Füerbier das eifrig bestätigte, bestimmte der Alte, da helfe nur eines, das Bett müsse sofort umgestellt werden. Um jedoch ganz sicherzugehen, empfehle er in solchen Fällen stets, noch zusätzlich eine Kupferplatte zur Abschirmung unter die Matratze zu legen. Das sei ein bewährtes Gegenmittel. Bernd C. Füerbier beauftragte ihn, so einen Strahlenschutz unverzüglich herbeizuschaffen, woraufhin der Alte sofort verschwand.

Judith Füerbier war nicht wohl bei der ganzen Sache. "Du?", offenbarte sie ihr Unbehagen. "Was soll denn nun werden?"

"Wir müssen halt ein Stück weit umräumen. Nimm mal die Kissen raus, und mach den Kleiderschrank leer!" Bernd C. Füerbier rollte die Berberbrücke ein, stellte die beiden Nachttischchen auf den Flur und montierte die Lampen ab. Die Matratzen landeten ebenfalls auf dem schmalen Flur. "Die lassen wir hier stehen, bis der Typ mit der Kupferplatte wiederkommt", schnaufte er kurzatmig. "Und der Schrank muss raus. Sonst wird das hier zu eng!"

Seine Frau protestierte energisch, aber Bernd C. Füerbier blieb hart. "Ich denke, das geht halt irgendwo nicht anders", entgegnete er. "Wir kaufen einen neuen. Dieser kann doch nach nebenan. Das Gästebett kommt dann auf den Dachboden. Und die beiden Sessel auch." Mit Schwung schob er das breite Ehebett unters Fenster, mit ihrer Seite exakt über die unverstrahlte, saubere Stelle. Ihre Nachttischlampe und ihren Radiowecker platzierte er ungeachtet ihres verzweifelten Einwands, dass sie dann die Gardinen und Vorhänge kürzen müsse, auf der Fensterbank. "Hauptsache, du kannst ordentlich schlafen!", beruhigte er sie.

Der Türgong tönte.

Judith Füerbier lief vor Aufregung rot an. "Na endlich! Das wird der Typ mit der Kupferplatte sein!", rief sie und eilte erwartungsvoll an die Tür.

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