Der Herbst des Einsamen

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen:
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

Georg Trakl
(1887 - 1914)


1) Erläuterungen, Hintergrundinformation
In der 1913 veröffentlichten Gedichtsammlung "Sebastian im Traum", deren einzelne Texte zwischen 1912 und 1914 entstanden, erscheint die Überschrift "Der Herbst des Einsamen" zweimal. Sie steht zehn melancholischen, teils schwermütigen Einzelgedichten voran, deren letztes wiederum die Überschrift "Der Herbst des Einsamen" trägt und oben aufgeführt ist.
(Anm. d. Hrg.)
Ernesto Handmann
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