Geh aus, mein Herz
 1)
[Sommerlied]

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
In dieser lieben Sommerzeit,
An deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärten Zier,
Und siehe, wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben.

Die Bäume stehen voller Laub,
Das Erdreich decket seinen Staub
Mit einem grünen Kleide.
Narzissen und die Tulipan,
Die ziehen sich viel schöner an,
Als Salomonis Seide.

Die Lerche schwingt sich in die Luft,
Das Täubchen fleucht aus seiner Kluft,
Und macht sich in die Wälder.
Die hochbegabte Nachtigall
Ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder.

Die Glucke führt ihr Küchlein aus,
Der Storch baut und bewohnt sein Haus,
Das Schwälblein speist die Jungen;
Der schnelle Hirsch, das leichte Reh
Ist froh und kommt aus seiner Höh',
Ins tiefe Gras gesprungen.

Die Bächlein rauschen in dem Sand,
Und mahlen sich in ihrem Rand
Mit schattenreichen Myrthen;
Die Wiesen liegen hart dabei,
Und klingen ganz von Lustgeschrei
Der Schaf und ihrer Hirten.

Die unverdrossne Bienenschar
Fleucht hin und her, sucht hier und da
Ihr edle Honigspeise;
Des süßen Weinstocks starker Saft
Bringt täglich neue Stärk' und Kraft
In seinem schwachen Reise.

Ich selber kann und mag nicht ruhn,
Des großen Gottes großes Tun
Erweckt mir alle Sinnen;
Ich singe mit, wenn alles singt,
Und lasse, was dem Höchsten klingt,
Aus meinem Herzen rinnen.

Ach, denk ich, bist du hier so schön,
Und lässest uns so lieblich gehn,
Auf dieser armen Erden;
Was will doch wohl nach dieser Welt
Dort in dem festen Himmelszelt
Und güldnem Schlosse werden.

O wär ich da! o stünd ich schon,
Ach, süßer Gott, vor deinem Thron,
Und trüge meine Palmen;
So wollt' ich nach der Engel Weis'
Erhöhen deines Namens Preis
Mit tausend schönen Psalmen.

Des Knaben Wunderhorn 1)
(Erstdruck 1808)
nach Paul Gerhardt
(Erstdruck 1653)


1) Erläuterung, Hintergrund
Die oben wiedergegebene Fassung entstammt unter dem Titel "Sommerlied" der Sammlung "Des Knaben Wunderhorn", Band 3, von Achim von Arnim und Clemens Brentano, Erstdruck 1808. Sie ist zurückzuführen auf die soweit nahezu wortgleiche, jedoch wesentlich längere Version Paul Gerhardts, die im Jahre 1653 erschienen war und die hier nachgelesen werden kann.
Das Gedicht wurde im Jahre 1813 von Augustin Harder vertont.
(Anm. d. Hrg.)
Ernesto Handmann
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