Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz; geschwind zu Pferde!
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht:
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer;
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude
Floss von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich – ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient es nicht!

Doch ach! schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Johann Wolfgang von Goethe
(1771)

Erläuterungen, Entstehung, Hintergrund
Der einundzwanzigjährige Goethe widmete dieses und weitere Gedichte ("Sesenheimer Lieder") während seines Jurastudiums im elsässischen Straßburg (1770/71) der achtzehnjährigen Pfarrerstochter Friederike Brion (1752-1813) aus Sesenheim (Elsass), mit der ihn eine Liebelei verband. Auch das bekannte Gedicht "Mailied" (1771) gehört zu diesem Zyklus (Erstdruck 1775).
(Anm. d. Hrg.)
Ernesto Handmann
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