Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch —
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt —
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpresst
Und uns wie Hunde erschießen lässt —
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt —
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht —
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!

Heinrich Heine
(1844)


Erläuterungen, Entstehung, Hintergrund:
Die sozialkritische Ballade "Die schlesischen Weber" entstand im Jahre 1844 wenige Tage nach dem sog. Weberaufstand. Vom 4. bis 6. Juni 1844 revoltierten die Weber in den schlesischen Orten Peterswaldau und Langenbielau gegen ihre erbärmlichen Arbeits- und Lebensbedingungen. Der Aufstand wurde von preußischen Soldaten gewaltsam niedergeschlagen. Das Ereignis wurde später von Gerhart Hauptmann (Drama "Die Weber", 1892) und der Grafikerin Käthe Kollwitz (Bilderzyklus "Ein Weberaufstand", 1897/98) aufgegriffen.
 (Anm. d. Hrg.)

Ernesto Handmann
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