[
Osterspaziergang
] 1)

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in raue Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur;
Aber die Sonne duldet kein Weißes,
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farben beleben;
Doch an Blumen fehlt's im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen.
Aus dem hohlen, finstern Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden,
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! wie behänd sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluss in Breit' und Länge
So manchen lustigen Nachen bewegt,
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel;
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet Groß und Klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!

Johann Wolfgang von Goethe 
aus: Faust I, Vor dem Tor


1) Erläuterung, Entstehung, Hintergrund
Die hier vorangestellte Überschrift stammt nicht von Goethe, ist für die Szene jedoch allgemein gebräuchlich. Goethe fügte diesen Teil vermutlich Anfang 1801 dem "Faust" hinzu.
Die schlaglichtartige Darstellung der nach dem harten Winter neu erwachten Natur, Menschen und Einzelerscheinungen unterstreicht das Heraustreten des zerrissenen Grüblers Faust aus seinem einsamen Studierzimmer und seine Hinwendung zur Mitte der lebensfrohen menschlichen Gemeinschaft.
Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden aktualisiert.
(Anm. d. Hrg.)
Ernesto Handmann
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