Mailied

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd, o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb, o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst!

Johann Wolfgang von Goethe
(1771)

Erläuterungen, Entstehung, Hintergrund
Der einundzwanzigjährige Goethe widmete dieses und weitere Gedichte ("Sesenheimer Lieder") während seines Jurastudiums im elsässischen Straßburg (1770/71) der achtzehnjährigen Pfarrerstochter Friederike Brion (1752-1813) aus Sesenheim (Elsass), mit der ihn eine Liebelei verband. Auch das bekannte Gedicht "Willkommen und Abschied" (1771) gehört zu diesem Zyklus (Erstdruck 1775).
(Anm. d. Hrg.)
Ernesto Handmann
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