Es ist alles eitel
 1)

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit 2) auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
Wo jetzund 3) Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden;

Was jetzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden;
Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch' und Bein 4);
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muss wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch, bestehn?
Ach, was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind,
Als eine Wiesenblum', die man nicht wiederfind't!
Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten.

Andreas Gryphius
(Spätfassung 1663)

Erläuterungen, Entstehung, Hintergrund, Worterklärungen
Die Erstfassung dieses Sonetts wurde 1637 unter dem Titel "Vanitas, vanitatum, et omnia vanitas" mit dem biblischen Untertitel "Es ist alles ganz eitel" (Eccl. 1, V. 2) veröffentlicht (vanitas, lat., Nichtigkeit, Schein, Vergeblichkeit). Dem Gedicht liegt die persönliche Erfahrung des jungen Gryphius mit den Zerstörungen und dem unbeschreiblichen Elend des Dreißigjährigen Krieges zugrunde.
1), 2) eitel, Eitelkeit: vergänglich, Vergänglichkeit
3) jetzund: jetzt
4) Bein: Knochen
(Anm. d. Hrg.)
Ernesto Handmann
sonettearcor.de
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