Die Gedanken sind frei

Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten?
Sie fliegen vorbei
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen
mit Pulver und Blei.
Die Gedanken sind frei!

Ich denke, was ich will
und was mich beglücket,
doch alles in der Still',
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei!

Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
ich spotte der Pein
und menschlicher Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
Die Gedanken sind frei!

Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen,
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
Die Gedanken sind frei!

Volkslied, ca. 1790
bearbeitet von
Hoffmann von Fallersleben, 1841
(Erstdruck 1842)


Erläuterungen, Hintergrundinformationen, Bedeutung, Ursprung
Das Freiheitslied "Die Gedanken sind frei" ist ein politisches Lied. Sein Ursprung geht auf das Ende des 18. Jahrhunderts zurück, also auf die Zeit der Unterdrückung durch absolutistische Herrscher, von denen es innerhalb des Deutschen Bundes viele gab. Im Gefolge der Französischen Revolution wuchs daher auch in den zersplitterten deutschsprachigen Gebieten – ein "Deutschland" gab es noch nicht – der Wunsch nach physischer, geistiger und politischer Freiheit bei staatlicher Einheit.
So entstand in diesem historisch-politischen Klima z. B. Schillers Drama "Don Carlos" (Don Karlos) aus den Jahren 1787/88 mit der berühmten Forderung des Marquis von Posa an König Philipp II, sich diesem zu Füßen werfend: "Gehn Sie Europens Königen voran. Ein Federzug von dieser Hand, und neu erschaffen wird die Erde. Geben Sie Gedankenfreiheit." (III, 10). Auch Schillers spätes Drama "Wilhelm Tell" (1804) ist Ausdruck dieses starken Willens nach Freiheit und Einheit ("Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, | In keiner Not uns trennen und Gefahr. | – Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, | Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben." II, 2).
Begleitet von dem Bestreben weiter Teile der deutschen Akademikerschaft, v. a. der Burschenschaften, nach einem einheitlichen deutschen Nationalstaat, erreichte der Freiheitsdrang in den Jahren des sog. Vormärz und der Revolution von 1848 einen vorläufigen Höhepunkt. In dieser Zeit wurde die Grundeinstellung des späteren Germanistik-Professors Heinrich Hoffmann von Fallersleben ganz entscheidend geprägt. Selber in Preußen erheblich von politischen Repressionen betroffen, nahm sich Hoffmann von Fallersleben auch des Volksliedes "Die Gedanken sind frei" an. Die heute verbreitetste Textfassung entstammt seiner Bearbeitung.
Wie häufig bei Volksliedern gibt es auch von diesem Text Varianten. Aus studentischen Kommersbüchern stammt eine wesentlich später verfasste ausgesprochen dümmlich-naive fünfte Strophe, die dem Freiheitscharakter dieses Liedes ganz und gar nicht angemessen ist. Doch auch Thema und Sprache der oben wiedergegebenen vierten Strophe legen die Vermutung nahe, dass sie ebenfalls nachträglich (1841 von dem romantisierenden Burschenschafter Hoffmann v. F.?) zu den drei anderen Strophen hinzugefügt wurde.
In die gleiche historische Kategorie von politischen Liedern gehört das – aus Unkenntnis der geschichlichen Zusammenhänge heute vielfach völlig missverstandene – "Lied der Deutschen", welches Hoffmann von Fallersleben 1841 im englischen Exil auf der Insel Helgoland schuf. Es sollte ebenfalls die große Sehnsucht der damaligen Jugend nach Freiheit und Einheit ausdrücken und bedeutete keineswegs den Ruf nach einer Vormachtstellung Deutschlands in Europa oder der Welt.
(Anm. d. Hrg.)
Ernesto Handmann
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