Die Karyatiden
 1)

Hinter grünumrankten Gittern,
An dem Rasen mit den großen
Scharfgezackten Palmengruppen
Und den purpurroten Dahlien,
Weit getrennt vom Lärm der Straße,
Steht die kleine weiße Villa ...

Über sammetgrünen Rasen,
Über purpurrote Dahlien,
Gelben Kies und weiße Stufen
Wandert des Septembertages
Klares Spätnachmittagleuchten.

Strahlend aus dem blauen Schatten
Ragen weiß die Marmorkniee 2)
Schlanker Schwesterkaryatiden.
Tief gesenkt die schmale Stirne,
Stehn sie stumm und schön und reglos,
Seltsam sich einander gleichend.

Hinter grünumrankten Gittern
Hüten sie die weiße Villa,
Seltsam sich einander gleichend.
Eine hält den schlanken Finger
An den Mund und lächelt leise,
Doch die andre, mit dem stillen
Leidenszug im weißen Antlitz
Presst die schmale Hand aufs Herz ...

Agnes Miegel
(1910)

Erläuterung, Worterklärung, Hintergrund
1) Karyatide: Stützpfeiler in Gestalt einer weibl. Säulenfigur
2) Der falsche Plural wird wegen des Metrums beibehalten.
Agnes Miegel nahm sich in ihren Gedichten gern Themen aus ihrer ostpreußischen Heimat an.
(Anm. d. Hrg.)

Ernesto Handmann
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