Ernesto Handmann
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Satiren und Kurzgeschichten

Ein ausgebuffter Frauenkenner

Gemeinsam mit seinem Kollegen Holger steuerte Bernd C. Füerbier in ruhigem Feierabendgang auf seinen Achtzylinder in der firmeneigenen Tiefgarage zu. Plötzlich verharrte er.

"Sag mal, hast du einen neuen Wagen?"

Holger lächelte verlegen. "Ja, weißt du, das war Carolas Idee."

"Carola?" Bernd C. Füerbier kam aus dem Staunen nicht heraus. "Du hast wieder eine Beziehung? Ich dachte, du wärst nach deinen drei Scheidungen und dem Pech mit Claudia von den Frauen kuriert."

Wachsam sicherte Holger das Terrain, als plane er eine Verschwörung. "Bernd, du bist der Erste, der es erfährt", raunte er über das Autodach hinweg. "Ich will wieder heiraten!"

Bernd C. Füerbier fehlten die Worte.

"Komm, Bernd! Steig ein! Wir fahren noch auf einen Drink zu mir. Du musst Carola unbedingt kennenlernen!" Die Zentralverriegelung in der neuen schwarzen Limousine mit dem weißblauen Kühleremblem knackte leise. "Echt, Bernd, du wirst begeistert sein! Ich bringe dich nachher auch wieder zurück."

Die sensationellen Aussichten verlockten Bernd C. Füerbier, eilig in Holgers neuem Wagen Platz zu nehmen.

"Weißt du", erklärte Holger, während er den Motor anließ, "mit dem alten Japaner ging das auch einfach nicht mehr. Da hatte Carola ganz recht." Vorsichtig rangierte er den Wagen aus der Tiefgarage hinaus ins Freie.

"Geht es dir denn jetzt finanziell wieder etwas besser? Ich meine, weil du doch so enorm viel Unterhalt an deine Ex-Frauen zahlen musstest."

Holgers eben noch glückliches Gesicht verfinsterte sich. "Da hat sich natürlich nichts geändert", knurrte er. "Ich habe nach wie vor Liquiditätsprobleme. Deshalb hatte ich ja noch immer den Japaner. Aber Carola hat gesagt, mit der alten Blechkiste könnte ich einfach unmöglich länger herumfahren und es gebe auch für gute Gebrauchte schon günstige Finanzierungskonditionen."

"Ach, dieser ist gebraucht?"

"Fast neu! Und super günstig! Keine Anzahlung, und die monatlichen Raten sind gar nicht mal so hoch. Carola fährt übrigens das gleiche Modell, allerdings als Cabrio." Mit quietschenden Reifen fädelte Holger sich in den vorbeibrausenden Querverkehr ein. "Carola ist überhaupt einfach eine super Frau, sag ich dir! Die ist so ganz anders als die anderen Frauen." Die dreispurige Autoschlange musste vor einer roten Ampel halten. Holger nahm den Gang heraus.

"Und du hast keine Bedenken, dass es wieder schiefgeht?"

"Bernd, du kennst mich. Ich denke, ich gehöre nicht zu den Menschen, die einen Fehler zweimal machen."

Bernd C. Füerbier nickte höflich.

"Echt, Bernd! Bei den Frauen macht mir keiner was vor. Bei denen kenn' ich mich aus. Carola ist einfach eine super Frau. Genau die Richtige."

Die Kolonne bewegte sich wieder zügig einige hundert Meter voran bis zur nächsten roten Ampel.

"Was macht sie denn?", fragte Bernd C. Füerbier.

"Sie ist geschieden und bezieht Unterhalt. Ihr Ex-Mann ist Chefarzt an der Uniklinik."

Anerkennend pfiff Bernd C. Füerbier durch die halbgeöffneten Lippen. "Dann hat sie ja ausgesorgt. Also eine Frau, die rechnen kann."

"Echt, Bernd! Eine Frau muss einfach mit Geld umgehen können." Holger legte den Gang ein und fuhr an. "Wenn ich da an meine zweite Frau denke, die sah wirklich super aus, verstehst du? Aber sie konnte einfach nicht mit Geld umgehen. Solche Frauen sind für eine Ehe halt einfach nicht geeignet. Das gibt nur Streit." Er schaltete in den dritten Gang. "Das ist bei Carola ganz anders. Die weiß den Wert des Geldes zu schätzen."

"Wie alt ist sie denn?"

"Fünfunddreißig. Genau das richtige Alter für einen Fünfziger wie mich", schwärmte Holger mit glänzenden Augen. "Eine Frau darf einfach nicht zu alt sein, verstehst du? So wie meine erste Frau damals. Das konnte ja auch nicht gutgehen. Die war einfach zu alt für mich. Die wollte mich immer nur bevormunden."

"Fünfunddreißig!", wiederholte Bernd C. Füerbier mit anerkennendem Unterton. "Und sie sieht wohl auch sehr gut aus, oder?"

Der Wagen hielt vor der nächsten Ampel.

"Bernd, das Aussehen ist nicht so wichtig. Das ist reine Nebensache. Auf den Charakter kommt es an! Im Umgang mit den Frauen darfst du dich nicht blenden lassen. Du musst immer einen kühlen Kopf bewahren, immer aufpassen, dass dir die Hormone nicht den Verstand blockieren. Glaub mir das!"

Er betätigte den Blinker und ordnete sich links ein. "Claudia zum Beispiel sah riesig aus. Aber sie war einfach zu egoistisch. Einfach unfähig, auf mich einzugehen. Alles musste nach ihrem Willen gehen. Da ist Carola ganz anders, viel rücksichtsvoller. Sie ist einfach wunderbar, sag ich dir, so gnadenlos einfühlsam."

Sie schafften es, mit der nächsten Ampelphase über die breite Kreuzung zu gelangen, und kamen nun zügig voran, bis sie in eine kleine Nebenstraße abbogen, in der Holger sein neues Auto noch etwas unbeholfen in die einzige freie Parklücke bugsierte, die es im Halteverbot noch gab. Bald darauf befand Bernd C. Füerbier sich in Holgers übersichtlichem Einzimmerappartment.

"Gewaltig, Holger!", staunte er. "Du hast dich ja schon wieder total neu eingerichtet."

Holger glättete mit den Fingerspitzen seinen kräftigen dunkelgrauen Schnauzbart. "Das war Carolas Vorschlag. Sie meinte, die anderen Möbel, die ich mir im vorigen Jahr gekauft habe, passten nicht zu meinem Typ." Er zwängte sich mit seinem muskulösen Oberkörper hinter den Küchentresen und füllte zwei Gläser mit Eiswürfeln und Whisky. "Carola ist einfach megariesig, sag' ich dir. Die hat so viel Verständnis und Wärme. Einfach einmalig!" Er klemmte sich die Whiskyflasche unter den Arm und setzte sich mit den beiden Gläsern in der Hand zu seinem Gast. "Und Stil hat sie! Glaub mir, Bernd, Stil ist ja so wichtig!"

"Sag mal, wo lernt man denn so eine super Frau kennen?"

"Nur in Kurorten, Bernd! Bei Tanzveranstaltungen in Kurorten." Holger trank einen Schluck. "Alles andere hat überhaupt keinen Zweck, Annoncen oder so. Nur Kurorte!"

Bernd C. Füerbier lauschte wissbegierig.

"Natürlich muss man aufpassen, Bernd. Immer einen kühlen Kopf bewahren! Unter den Frauen dort gibt es viele, die suchen einfach nur ein kurzes Abenteuer. Der Mann einfach als Sexobjekt. Man kennt das ja. Andere wollen sich nur einen reichen Typen an Land ziehen. Da muss man aufpassen, Bernd! Und am schlimmsten sind die, die wie kleine alleingelassene Hunde einen neuen Herrn suchen. Wenn die nämlich dann einen gefunden haben, kriegen sie Oberwasser und kläffen und beißen. Die taugen natürlich nicht für eine Beziehung. Die muss man einfach wegjagen." Holger griff nach der Whiskyflasche. "Willst du auch noch einen?"

Dankend lehnte Bernd C. Füerbier ab.

"Weißt du, Bernd", fuhr Holger fort, nachdem er sich nachgeschenkt hatte, "die richtige Frau zu finden ist einfach ein Glücksspiel. Mit Carola hab' ich sozusagen das große Los gezogen. Die ist wie ich. Der macht keiner was vor, weil sie halt genau weiß, was sie will."

Von der Wohnungstür drang plötzlich das Geräusch eines Schlüssels herüber, der in ein Sicherheitsschloss geschoben wird. In der kleinen Diele erschien eine junge Frau in einem hautengen roten Kleid. Fasziniert starrte Bernd C. Füerbier auf ihr feines, ein wenig kindliches Gesicht, dessen große dunkle Augen, runde Wangen und aufgeworfene Lippen knallig geschminkt waren. Seine Blicke streiften über ihre glatten schwarzen Haare, die weit über die Schultern reichten, glitten langsam den schlanken und dennoch üppigen Körper entlang und blieben knapp unterhalb der Knie stehen, ehe sie blitzartig wieder an den Ausgangspunkt ihrer Entdeckungsreise zurückkehrten.

"Grüß dich, Bärchen!", flötete sie. "Du hast Besuch? Das hättest du mir doch sagen müssen! Ich will, dass du mir immer alles sagst!" Ohne Umschweife hockte Carola sich zu Holger auf die Sessellehne. Der Saum ihres kurzen Kleides rutschte eine Handbreit empor, und im selben Moment sah sie unbefangen zu Bernd C. Füerbier hinüber, dessen Augen sich sofort an ihre runden Oberschenkel hefteten. "Bärchen, ich will doch heute Abend mit dir essen gehen." Sanft streichelte sie Holger über den kahlen Scheitel. Er schlang seinen Arm um ihre weiche Hüfte. "Ich habe einen Tisch im 'Provence' bestellt. Das weißt du doch."

Energisch schüttelte Holger den Kopf. Davon wisse er nun einfach überhaupt nichts.

"Aber Bärchen! Du sollst nicht immer widersprechen! Natürlich weißt du das! Ich habe es dir doch gesagt. Das weiß ich ganz genau!"

Holger bat um ein paar Minuten Aufschub. Bernd C. Füerbier und er seien gerade erst aus dem Büro gekommen und wollten sich nur ein wenig entspannen.

"Ich denke, du solltest dich jetzt sofort umziehen, Bärchen. Ich will nicht so lange warten. Und vergiss nicht wieder, deine Kreditkarten einzustecken!" Sie erhob sich und zog ihr Kleid straff. Unvermittelt hatte sie die Verbindung von ihren Schenkeln zu Bernd C. Füerbiers begehrlichen Männeraugen durchtrennt.

Bernd C. Füerbier fühlte sich durchschaut und griff verlegen nach seinem leeren Glas. "Ich denke, ich werde dann gehen", sagte er gespielt müde.

"Bernd, ich ruf' dir halt einfach ein Taxi", erbot sich Holger. "Dann brauchst du nicht mit dem Bus zu fahren."

Und während Holger noch nach einem Taxi telefonierte, verabschiedete Bernd C. Füerbier sich bereits freundlich lächelnd mit überschwänglich herzlichen Worten von Carola und verließ die kleine Wohnung, um unten vor dem Haus auf das Taxi zu warten.

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