Ernesto Handmann
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Unsere Frau in Amerika

Bernd C. Füerbiers Finger spielten nervös an den Tasten der Fernbedienung seines Videorecorders. Unruhig wandte er seinen Blick von dessen bernsteinfarbener Zeitanzeige hinüber zu seinen beiden Gästen, der blonden Lehrerin Brigitte und deren Mann Reinhart. "Eine Minute vor acht!", sagte er mit besorgter Miene. "Ich fürchte, Hartmut und Bärbel versäumen das Super-Highlight."

Die anderen teilten seine tiefe Besorgnis. Ihre gemeinsame Freundin Maren hatte vor gut zwei Stunden aus Washington angerufen und sie von ihrem bevorstehenden Triumph in Kenntnis gesetzt, und nun waren Hartmut und Bärbel trotz ihrer Zusage immer noch nicht da - zwei äußerst bedauernswerte Geschöpfe.

Da ertönte der Türgong.

"Das sind sie!" Judith Füerbier hastete an die Tür.

"Hat es schon angefangen?", keuchte Bärbel ihr entgegen. "Hartmut musste erst noch den Videorecorder programmieren."

Sie hetzten ins Wohnzimmer, die Augen gespannt auf das Fernsehgerät gerichtet. Die Anzeige der Fernsehuhr sprang im selben Moment auf acht Uhr. Ein Gongschlag erklang, Bernd C. Füerbier startete seinen Videorecorder. Es war so weit: Die Tagesnachrichten begannen. Und als nach unerträglich langen zwölf Minuten der Sprecher endlich die ersehnte Botschaft von einem Amerikabesuch führender deutscher Politiker verkündete, wischte sich Bärbel verstohlen ihre schweißnassen Hände an der Sessellehne trocken.

"Da ist sie!", schrie sie verzückt.

Genau an der Stelle, wo die Elite der deutschen Fernsehkorrespondenten teils mit, teils ohne Krawatte zu stehen pflegt, vor dem Zaun des Weißen Hauses in Washington, stand ihre Freundin Maren und sprach ihren allerersten Bericht aus Amerika in die deutschen Wohnstudios. Die Daheimgebliebenen starrten in freudiger Erregung auf den Bildschirm.

"Wahnsinn!", raunte Reinhart. "Maren vor dem Weißen Haus!"

Brigitte zischte ihn wütend nieder.

"Die Mitglieder der deutschen Delegation -", vermeldete Maren souverän ins Mikrofon, "sie sind soeben nach einem komfortablen Flug mit einem Helikopter hier im Park des White House gelandet. Sie haben jedoch ein kleines Problem: Ihr geplantes Meeting mit dem Präsidenten musste in letzter Minute gecancelt werden, weil die Gattin des Präsidenten ist seriös erkrankt."

"Oh Gott!", entfuhr es Judith Füerbier. "Hoffentlich nichts Ernstes!"

"Als Folge einer Influenza - die Gattin des Präsidenten - sie musste soeben mit einer Ambulanz in ein Hospital gebracht werden. Es besteht der Verdacht auf Herzrhythmusstörungen. Wie die lokale TV-Station wenige Momente zurück in ihren Top-News mitteilte, fühlt sich die First Lady der United States jedoch wieder gut. Wie es scheint, ist es also nicht wirklich etwas Seriöses."

"Super!", applaudierte Bärbel hingerissen. "Ist das nicht irgendwo riesig, wie sie das macht?"

"Die deutschen Parlamentarierinnen und Parlamentarier werden also nicht wie geplant ein Gespräch mit dem Präsidenten haben, weil der Präsident wird die Nacht mit seiner Frau sein. Ein Sprecher des Präsidenten sagte, es wäre nett, die deutsche Delegation zu sehen, und wünschte ihr eine gute Zeit. Die deutschen Politiker werden nun als Vertreter der Administration den Chef des Pentagon, das meint den Sekretär für Verteidigung, sehen, auch wenn aus Delegationskreisen verlautete, das Treffen mache keinen Sinn."

Die Kamera zoomte Marens vertrautes Antlitz faltennah auf die Bildröhre.

"Im New Yorker Stadtteil Brooklyn hatte zuvor die Leiterin der Parlamentariergruppe, Irene Koselowski-Hohlstätter, in einer "Wir-sitzen-alle-im-selben-Boot"-Rede im Gymnasium der größten Hochschule dieser Nachbarschaft vor Gewerkschaftsvertretern zur Solidarität mit den Minderheiten gemahnt. Der Chairman der New Yorker Dockarbeiterunion bedankte sich in einem kurzen Statement und sagte, er sehe der Gegenvisite der Kameraden der New Yorker Docker in Deutschland entgegen, um die sozialen Fragen gemeinsam zu handhaben."

Marens Gesicht verschwand vom Bildschirm, und der Nachrichtensprecher kündigte den Wetterbericht an. Bernd C. Füerbier schaltete den Videorecorder aus.

"Wahnsinn!", staunte Bärbel. Es ist irgendwo total Wahnsinn, wie toll Maren Englisch kann. Es kommt halt irgendwo so total rüber, dass sie aus Amerika berichtet und nicht mehr einfach aus Hannover."

"Ich denke auch", ergänzte Brigitte in ihrer sachlichen Art. "Maren bringt halt alle notwendigen Qualifikationen mit: Sie ist eine Frau, politisch zukunftsorientiert und sozial wahnsinnig kritisch engagiert. Ich denke mal, da sitzt halt die richtige Frau genau am richtigen Platz."

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