Ernesto Handmann
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Dranbleiben

"Ich denke mal, wenn alles glattgeht und nichts passiert, sind wir um vier an der Grenze." Zielstrebig steuerte Bernd C. Füerbier bei guter Sicht seinen Achtzylinder dem Autobahnkreuz entgegen.

"Du", antwortete Judith Füerbier gedehnt, "was soll halt schon passieren? Wo du doch irgendwo ein so super Fahrer bist!"

Als der Wagen in der engen Rechtskurve des Autobahnzubringers in eine elegante Schräglage geriet, nahm Bernd C. Füerbier das Lenkrad fest in den Griff. Statt doppelter Schallgeschwindigkeit ließ die Zubringerschleife, die vorne in die Nord-Süd-Strecke einmündete, nur sechzig Kilometer pro Stunde zu. Meisterhaft drosselte Bernd C. Füerbier das Tempo.

"Verdammt! Die Autobahn ist total dicht!" Er senkte geistesgegenwärtig seinen glänzendbraunen Lederslipper auf das Gaspedal und schoss auf die träge Karawane zu, die über den rechten Fahrstreifen kroch. Wie eine Rakete beschleunigte er seinen Wagen durch den schmalen Spalt zwischen einem dänischen Wohnmobil und einem französischen Kleinwagen hindurch, mitten in die auf der Überholspur dahinrasende Reihe eleganter Limousinen und schnittiger Sportcoupés hinein. Sein Achtzylinder hatte seine Position auf dem Weg nach Süden eingenommen.

Umsichtig checkte Bernd C. Füerbier die Instrumente in seinem Cockpit: Öldruck, Abgashydratation, Getriebeölviskosität und Bremsflüssigkeitskonsistenz waren o.k. Ein Knopfdruck auf den Bordcomputer lieferte ihm die Daten über die Zylinderkompression, die Nockenwellendrehzahl, den maximalen Pleuelhub und die momentane Geschwindigkeit.

"Hm", grunzte er missmutig. "Zu langsam."

Er trat souverän das Gaspedal durch. Die Anzeigenadeln der Instrumente schlugen aus, das Triebwerk kam auf Touren. Zwei-, dreimal musste Bernd C. Füerbier den schmalen Raum zwischen Mittelleitplanke und seinen untermotorisierten Vorderleuten nutzen, um diese vorlauten Kleinwagen durch sanftes Lenken nach rechts in die ihnen zustehende Fahrspur zu verweisen.

"Na, also!", sagte er zufrieden, als er das vor ihm fahrende anthrazitfarbene Sportcoupé nach wenigen Zehntelsekunden erreicht hatte. "Es geht doch! Man muss halt nur Auto fahren können."

"Du? Wie schnell?"

"Zweihundertvierzig."

"Du!" Judith Füerbier drehte das Radio lauter. "Hör mal! Chris Rea!" Leise sang sie mit: "I send you all my love."

"Judith, sieh mal den da vorne! Mein Gott, was schwitzt der! Seine ganze Glatze ist ja total voll winziger Schweißperlen!" Amüsiert betrachtete Bernd C. Füerbier den glitzernden Scheitel des vor ihm her jagenden Piloten. "Seine Klimaanlage schafft das anscheinend nicht."

Mit einem erneuten Knopfdruck auf den Bordcomputer rief Bernd C. Füerbier die Daten über die Kabinentemperatur und die Luftfeuchtigkeit ab. Die Differenz zwischen Außen- und Innentemperatur wurde mit eins Komma drei Grad Celsius ausgewiesen.

"Du?", fragte Judith Füerbier neugierig. "Was hält denn die Frau in dem Auto vor uns in der Hand, du? Kannst du das sehen?"

Er richtete seine Augen nach vorne. "'Mietvertrag' steht oben drüber. Ich denke mal, das ist ein Mietvertrag für eine Ferienwohnung. Meine Güte! Da steht, die müssen neunhundertfünfundsiebzig Euro pro Woche bezahlen."

"Wie viel?" Die Laufgeräusche der Breitreifen nötigten Judith Füerbier nachzufragen.

"Tausendneunhundertfünfzig. Aber ich denke mal, da kommen irgendwo noch Strom und Reinigung dazu. So was steht halt meistens im Kleingedruckten."

Auf der Leitplanke links neben ihnen schob sich ein Motorradfahrer vorbei.

"Kuck dir das an!", empörte Bernd C. Füerbier sich. "Nun fahren wir schon zweihundertvierzig, und der Typ muss noch überholen. Total rücksichtslos!"

"Echt, du! Immer diese Motorradfahrer!"

Beiläufig überprüfte Bernd C. Füerbier die Funktion der Bordinstrumente. Dann konzentrierte er sich wieder auf den Mietvertrag seines Vordermannes.

"Judith, kannst du das Kleingedruckte unten auf der Seite lesen? Mein Gott! Warum kann denn die Frau den Vertrag nicht ruhig halten?" Angestrengt reckte er den Hals nach vorne. "Ich kann diese kleine Schrift irgendwo nicht lesen. Gib mir mal meine Brille aus dem Handschuhfach!"

Judith Füerbier reichte ihm seine schmale Lesebrille.

"Siehst du? Da steht's. Ich hab's ja gesagt. Auf's Kleingedruckte kommt es halt an. Strom und Endreinigung kommen extra. Die müssen noch einmal -"

Die plötzlich eintretende Finsternis wurde durch einen schaukelnden holländischen Wohnwagen verursacht, der sich zwischen die aneinanderliegenden Stoßstangen der beiden Personenwagen gezwängt hatte. Bernd C. Füerbier reagierte blitzschnell. Wütend hupte er, fluchte lauthals, drohte mit erhobener Faust, wünschte den Holländer zur Hölle, forderte ein Verbot von Wohnwagen, schimpfte über die Polizei, die nie da ist, um solche Rüpel zu bestrafen, und trat auf die Vier-Kanal-ABS-Bremse.

"So ein Schwein!", tobte er. "Bandit! Mörder! Anfänger!" Schäumend vor Wut, riss er den Wagen nach rechts: Zahllose Mittelklassewagen, Wohnmobile und Wohnwagengespanne hatten die Situation ausgenutzt und ihren Platz auf der rechten Fahrbahn verlassen. Scharenweise hatten sie die wachsende Lücke zwischen seinem Schweißperlenvordermann und dem holländischen Wohnwagen besetzt. Entschlossen schaltete Bernd C. Füerbier herunter, beschleunigte mit kräftigem Fußtritt und raste über die freie rechte Fahrbahn an dem Holländer und den anderen Autobahnpartisanen vorbei seinem Vordermann hinterher. Nach wenigen Augenblicken lag das anthrazitfarbene Coupé links vor ihm.

"Warum können die bloß nicht anständig Auto fahren?" Er schüttelte den Kopf.

Judith Füerbier summte immer noch versonnen Chris Reas "Josephine" mit.

"Sieh dir das an, wie dicht die auffahren! Wie soll man denn da noch zwischenkommen?"

"Irgendwo echt Wahnsinn, du!", bestätigte seine Frau. "Bei dem Tempo."

Den Blick starr auf die Stoßstange des Coupés gerichtet, zog Bernd C. Füerbier seinen Wagen virtuos nach links. Millimetergenau klebte er die Nummernschilder der beiden Fahrzeuge aneinander. Das langanhaltende Hupkonzert seines Hintermannes quittierte er mit seiner leicht erhobenen rechten Faust, deren Mittelfinger steil emporgestreckt war. Gelassen vergewisserte er sich dann, ob die Instrumente einwandfrei arbeiteten: Die Abgashydratation war sehr niedrig. Das würde sich gleich wieder geben. Öldruck, Getriebeölviskosität und Bremsflüssigkeitskonsistenz waren o.k. Mit einem Fingerdruck auf den Bordcomputer rief er die Daten über die Kabinentemperatur und die Luftfeuchtigkeit ab. Die Differenz zwischen Außen- und Innentemperatur betrug null Komma neun Grad Celsius.

"Total schwül hier!" Er atmete durch.

"Echt, du! Mach mal ein Fenster auf!"

Auf einen kurzen Knopfdruck hin surrte das linke Rückfenster einen Spaltbreit herunter. Chris Rea war verstummt.

"Du? Leg doch mal 'ne CD ein! Aber nicht so was Brutales!"

Mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand balancierte er "Joe Cocker's Greatest Hits" in die Plattenlade der Stereoanlage. Aus den vier Boxen dröhnte "Don't You Love Me Anymore" durch das Cockpit.

"Echt super, du!", reagierte sie auf die Musik.

Er lehnte unbeweglich in seinem Sitz. Lange Falten hatten sich über seine Stirn gelegt. Die Schmach, die ihm der holländische Wohnwagen zugefügt hatte, nagte in ihm. "Ich denke mal, so was wie vorhin mit dem Holländer passiert mir nicht noch mal", versprach er seiner Frau. "Jetzt bleib ich dran!"

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