Ernesto Handmann
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Satiren und Kurzgeschichten

Denker

An der Eingangstür des großen Wohnblocks, in dem ihre Gastgeber wohnten, raunzte Bernd C. Füerbier seine Frau an: "Hast du das Geschenk?" Die drei Füerbiers - Bernd C., seine Frau Judith und sein psychisch kranker Bruder Rolf - polterten die Treppe hinauf. Im ersten Stock rechts klingelten sie. Es war schon beinahe neun Uhr.

"Das find' ich ja echt super, dass ihr doch noch kommt!", empfing Bärbel die Neuankömmlinge Kaugummi kauend an der Wohnungstür. "Ich wollte euch schon kontakten und euch vom Fernsehen weglocken."

"Grüß dich, Bärbel!", röhrte Bernd C. Füerbier. "Ich musste meinen Bruder erst noch lange überreden, dass er mitkommt, weil er hatte mal wieder keine Zeit und wollte lieber an seinem neuen Projekt weiterarbeiten, obwohl heute Samstag ist." Derart angeprangert, rechtfertigte Rolf Füerbier sich damit, dass er gerne arbeite und als selbständiger Ingenieur manchmal unter Termindruck auch zu unüblichen Zeiten arbeiten müsse, gleichgültig, ob Mittwoch oder Sonnabend sei. Ob es ihr nicht manchmal auch so gehe, dass sie sich auf ihre Arbeit freue, fragte er Bärbel.

"Nicht wirklich", entgegnete sie, "weil ich denke mal, frau und man sollte auch irgendwo ein Stück weit an sich selbst denken und Spaß haben". Derweil führte sie die drei ins Wohnzimmer, wo sich Bernd C. Füerbiers zerknitterte Miene schlagartig glättete. Strahlend hell begann sein Gesicht aufzuleuchten: Seine Augen weideten sich an der blonden Lehrerin Brigitte. Sie saß mit ihrem Mann, dem Rechtsanwalt Reinhart, und einem fremden Ehepaar an dem runden gläsernen Couchtisch.

"Halloo!" Er trat an die Sitzecke heran. "Grüß dich, Brigitte! Grüß dich, Reinhart!"

"Grüß dich!", nickte Brigittes Mann ihm müde zu. "Echt super, dass ihr noch kommt." Die andern blickten kurz auf und murmelten gleichfalls ihr "Grüß dich".

Die Füerbiers waren in eine angeregte Unterhaltung hineingeplatzt.

"Ich denke mal, die Gesellschaft darf lese- und schreibschwache junge Bürgerinnen irgendwo nicht länger ausgrenzen", philosophierte Brigitte in ihrer Ecke, die frisch angezündete Zigarette in Kopfhöhe vor sich haltend, den Ellenbogen ihres angewinkelten Armes aufreizend auf den übergeschlagenen, halbentblößten Oberschenkel gestützt. "Ich denke, die Regierung muss alles tun, um sie ins Arbeitsleben einzugliedern, weil das ist halt irgendwo ein Stück soziale Symmetrie."

"Brigitte - ich würde denken, sie hat irgendwo recht", verkündete ihre Nachbarin mit den dunklen, kurzen Haaren. "Die Bildung weiterer Randgruppen - die Berliner Administration darf sie unter den Frauen irgendwo nicht dulden. Ich denke, eine Bürgerinnen- und Bürgerinitiative - sie sollte als Manifestation des Protestes irgendwo auch angedacht werden."

Zufrieden lächelte Brigitte zurück. "Ich fänd's halt echt super, wenn wir irgendwo ein Stück Solidarität zeigten. Ich denke, der Staat muss sie eh ein Stück weit finanziell unterstützen, weil sie haben ja keine eigenen Ressourcen."

"Ich denke", ergänzte die Kurzhaarige eifrig, "diese Frauen, so die Administration sie denn nicht ausgrenzt, sie erhalten durch die Offerte zur sozialen Integration irgendwo auch ein gigantisches Stück Hoffnung, weil dann können sie ihre Ängste, die sie ja irgendwo haben, sie können sie abbauen und sich auch selbst in diese Gesellschaft ein Stück weit einbringen."

Während Bernd C. Füerbier sich mit tanzenden Pupillen an der attraktiven Brigitte ergötzte, verfolgte sein Bruder Rolf das Gespräch ohne jede Regung. Nach seinem langjährigen Afrikaaufenthalt schien er überwältigt, in welch fachkundiger und moderner Ausdrucksweise die Angehörigen des Volkes der Denker ihre Überlegungen zu äußern vermochten.

Als Hartmut ihm etwas zu trinken einschenkte, fragte Bernd C. Füerbier ihn hinter vorgehaltener Hand nach der Kurzhaarigen.

"Maren? Die ist Günters Frau. Sie ist Journalistin beim Fernsehen. Demnächst geht sie in die Staaten."

Anerkennend hob Bernd C. Füerbier die Augenbrauen.

"Vergiss es!", mischte Günter sich nun in die Diskussion ein. "Solche Bürgerinnen und Bürger kann eh kein Betrieb gebrauchen. Das rechnet sich irgendwo nicht, weil das ist halt so."

Brigitte fühlte sich durch diesen Affront herausgefordert: "Ich denke mal, frau sollte jeder Bürgerin und jedem Bürger die Möglichkeit geben, sich zu bewähren, weil das ist halt ein Stück Chancengleichheit, und auf die hat jede Bürgerin und jeder Bürger in dieser Republik irgendwo einen Anspruch."

"Das ist nicht das Ding!", widersprach Günter und setzte nun seinen Sachverstand dagegen. "Das ist doch eine völlig tertiäre Frage. Fakt ist, in 2001 wird es im Territorium der alten BRD und dem früheren Berlinwest kein super Wachstum mehr geben, weil da müssen alle Betriebe gigantisch rationalisieren - computergesteuerte Maschinen und so einsetzen. Das kostet richtig Geld. Die Einstellung unqualifizierter Bürgerinnen und Bürger macht da irgendwo keinen Sinn, weil die Unternehmen müssen halt Lohnkosten sparen."

"Lese- und schreibschwache junge Frauen - an ihnen wird also doch ein Stück Ausgrenzung von Randgruppen exerziert!", stemmte sich Maren diesem psychosozialen Kernproblem ihrer Geschlechtsgenossinnen entgegen.

Rolf Füerbier saß blass in seiner Ecke.

"Herr Füerbier", redete Bärbel ihn an, "fühlen Sie sich nicht gut?"

"Danke. Ob ich wohl ein Stück - pardon! - einen Happen zu essen bekommen könnte? Vielleicht legt sich meine Übelkeit dann wieder."

Kaugummi kauenderweise führte Bärbel ihn in die Küche. In besorgter Hausfrauenart servierte sie ihm von den Resten der kalten Platten eine gute Portion Heringssalat mit Kümmelvollkornbrot. Sie wusste offenbar, dass er trotz des Afrikasyndroms, das ihn heimgesucht hatte, vollkommen harmlos war, wenn man ihn nicht reizte. Seufzend reichte sie ihm den Teller. Die kaninchenhaften Kaubewegungen ihres Unterkiefers verlangsamten sich, und ihr Kaugummi verschwand hinter den überkronten Backenzähnen. Zielsicher nahm sie Rolf Füerbier ins Visier.

"Hartmut ist in letzter Zeit so komisch", begann sie, ausgerechnet diesem merkwürdigen Eigenbrötler ihr Herz auszuschütten. Deutlich leuchtete ihm ihr Kaugummi aus den Tiefen ihrer Mundhöhle entgegen. "Irgendwo stimmt unsere Beziehung nicht mehr, weil das Feeling kommt irgendwo nicht mehr rüber, verstehen Sie? Ich habe wahnsinnige Ängste vor einer totalen Beziehungskrise."

Rolf Füerbier probierte von seinem Heringssalat.

"Ich denke, früher haben wir uns echt super verstanden. Früher, wenn wir verreist sind, das war einfach super, weil er wusste irgendwo immer genau, was ich grad wollte. Riesig, sag' ich Ihnen!"

Den Heringen gelang es nicht auf Anhieb, Rolf Füerbiers Magen zu beruhigen; gequält verzog er das Gesicht. Aber das Kümmelvollkornbrot erweckte sein Interesse. Dieser Leckerbissen mochte geeignet sein, einen günstigen Einfluss auf sein Wohlbefinden zu nehmen.

"Heute lässt er mich mit meinen Problemen und Ängsten, die ich halt auch irgendwo hab', allein. Er ist irgendwo vollkommen verkopft, verstehen Sie? Er grenzt seine Gefühle so total aus." Hastig bewegte sie ihren Unterkiefer ein paarmal. "'Bei dir geht irgendwo alles über den Kopf', hab ich zu ihm gesagt. 'Nichts spielt sich bei dir im Bauch ab'."

Trotz der pikanten Leckerbissen rumorte es in Rolf Füerbiers Magen heftig.

"Mental ist er immer echt super drauf, wenn wir uns austauschen, aber seine Gefühle kommen einfach nicht rüber. 'Versuch doch auch mal, ein Stück weit mit dem Bauch zu leben!', hab' ich ihn aufgefordert. 'Verwirkliche mal dein ganzes Ego, und bring deine Gefühle mal so total rüber!'."

Hartmuts Kopf schob sich unvermittelt zur Küchentür herein. "Das ist richtig, Herr Füerbier! Essen Sie nur ordentlich!", lachte er und tauschte fünf leere gegen zwei volle Bierflaschen ein. Gemeinsam gesellten sie sich alle wieder zu den anderen Gästen, die sich in der Zwischenzeit einem anderen Gesprächsthema zugewandt hatten.

Maren tupfte gerade energisch ihre Zigarettenkippe im Aschenbecher aus. "Vergiss es, Brigitte! Günter, so es denn heute überhaupt sein Tag ist, er ist heute Abend zu, verstehst du? Er blockt."

"Natürlich ist das rübergekommen", führte ihr Mann mit seinem Sachverstand Widerrede. "Aber bei jeder Technik bleibt halt irgendwo ein Stück Restrisiko. Ich denke jedoch, man muss die Entwicklung positiv sehen und nicht grundlos die Ängste der Bürgerinnen und Bürger schüren, weil der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Das ist wissenschaftlich erwiesen."

Auf diesem naturwissenschaftlich-philosophischen Terrain fühlte Brigitte sich wieder besonders heimisch. "Du zeichnest ein echtes Beruhigungsszenario, als wenn die Bürgerinnen und Bürger nach Tschernobyl nicht irgendwo mit ihren Ängsten lebten." Zwei Strahlen graublauen Zigarettenrauchs entströmten ihren kleinen Nasenlöchern. "Doch was ist, wenn so ein Ding einfach hochgeht? Ich denke mal, dann haben wir nicht nur landkreisweit oder republikweit, sondern europaweit ein Stück Megasupergau."

Rolf Füerbiers Magen revoltierte lautstark.

"Du!", rief Judith Füerbier aufgeregt ihrem Mann zu. "Pass auf, du!"

Widerwillig löste Bernd C. Füerbier seine Augen von Brigittes niedlichem Mündchen und sah, wie sein Bruder sich mit kalkweißem Gesicht erhob. Ohne zu zögern, packten Judith und Bernd C. Füerbier den Kranken bei den Armen und eilten mit ihm hinaus ins Freie.

"Ich denke mal, dein Magen muss irgendwo erst den trockenen Wein ein Stück weit ausgrenzen", spekulierte Judith Füerbier und hielt ihrem Schwager den Kopf.

Schon verschaffte sich Rolf Füerbier kräftig Erleichterung.

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